Der Buntschuh, eine Zeitstreitschrift aus Greifswald, thematisiert in seiner 2. Auflage den Widerstand gegen die geplante Ferkelzuchtanlage bei Alt Tellin und Tierrechte. Er enthält auf den Seiten 23 und 24 einen sehr informativen Flyer.

Dieser Flyer fasst die Argumente von unseren Postkarten noch einmal zusammen:

Im Grünen Blatt und auf der Internetseite des VEBU gibt es ausführliche Artikel.

Des weiteren sind auf der Internetseite von Nandu viele Hintergrundinfos und Flyer zu finden.

Auch Broschüren vom „Tierfreunde e.V.“ (Infos über Fleisch, Fleisch frisst die Welt) und vom „Die Tierbefreier e.V.“ (vegan leben – ein neues Bewusstein für Tiere) sind gute Informationsquellen.

Zusammenfassung der Ereignisse, erschienen im
grünen blatt, Sommerausgabe 2010:

»Das ist kein Spaß mehr«

„In Alt Tellin, Mecklenburg-Vorpommern sollte noch im Mai 2010 der Bau von Europas größter Ferkelzuchtanlage abgeschlossen sein. Sollte – denn der Investor zögert, während heiße Monate mit direkten Aktionen weiter Druck ausüben. Geplant ist ein Zuchtbetrieb, in dem jährlich eine viertel Million Schweine zur Welt kommen – das sind über 600 Neugeburten pro Tag.“

„Wir hätten auch verhandeln können. Nachdem Wilfried Kosalla, Vorsitzender der Daberkower Landhof AG, am 16. Oktober 2008 eine Absichtserklärung zum Geländeverkauf unterzeichnete, erhielt er über Monate hunderte von Briefen, Anrufen und Faxen, die ihn aufforderten, es bleiben zu lassen. Dabei hätte es bleiben können. Doch der mittelständische Agrarbetrieb will seine Flurstücke weiterhin an den niederländischen Investor Adrian Straathof verkaufen – trotz der 700 Einwendungen, die von der lokalen Bevölkerung bei den Behörden eingereicht wurden. Das ist kein ungewöhnlicher Ablauf, wenn wir eine globale Perspektive auf die Ausbeutung von Menschen, Tieren und der Natur einnehmen. An keinem der Orte, an denen von Staat und Konzernen gigantische Megaprojekte wie das in Alt Tellin durchgesetzt werden, sind die Betroffenen gefragt worden. Im Fall von Alt Tellin sind das zum Beispiel die Anwohner*innen, deren Grundstückswerte laut Erfahrungsberichten um bis zu 70 % sinken werden, weil niemand neben einer stinkenden Anlage und deren vielbefahrenen Zufahrtstraßen leben will – dort, wo laut Anwohner*innen die Fenster nicht geöffnet und die Wäsche nicht zum Trockenen aufgehängt werden kann, wenn der Wind aus der falschen Richtung kommt. Es ist auch die Landbevölkerung in Südamerika, die unter Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen des Gensoja-Anbaus als Futtermittel für die europäische Massentierhaltungsindustrie leidet. Einwände gegen Umwelt- und Klimazerstörung durch Intensiv-Tierhaltung interessieren nicht – demokratische Teilhabe bedeutet, dass Kritik in öffentlichen Anhörungsterminen vorgebracht werden darf, mehr aber auch nicht, wenn sie nicht in den formalen Rahmen bürokratischer Amtsvorschriften passt. Die Individuen, die in einer Ferkelfabrik wie der in Alt Tellin geplanten vor sich hinvegetieren, haben kein Sprachrohr, aber hätten sie eines, würde ihnen das auch nichts bringen. Alt Tellin ist nur ein Beispiel dafür, wie Interessen von finanzträchtigen Unternehmen durch staatliche Subventionierung und den Schutz eines Rechtsstaates gegen den Willen der Betroffenen durchgeprügelt werden.

Wir hätten auch verhandeln können. Als sich abzeichnete, dass die vielen symbolischen Aktionen – wie Demonstrationen und die symbolische Besetzung des Baugeländes – die Ferkelzuchtanlage nicht verhindern würden, kamen Menschen zusammen, die sich weigerten einfach aufzugeben. Aus Frustration darüber, dass Appelle beim zuständigen Amt und dem Investor uns nicht weiterbringen würden, adressierten wir diejenigen, die direkt für den Bau der Anlage mitverantwortlich waren. Anfang August 2009 fanden Aktionstage statt – etwa 50 Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet und darüber hinaus demonstrierten vor Wilfried Kosallas Haustür, weckten ihn um 4 Uhr morgens und blockierten den Zufahrtsweg der Daberkower Landhof AG. Am 10. August schreibt die Ostseezeitung: „Der Streit um die geplante Ferkelzuchtanlage Alt Tellin ist heute eskaliert. Tierschützer blockierten einen Agrarbetrieb“.

Um auf die Verseuchung der Böden aufmerksam zu machen, haben Unbekannte Gülle in Kosallas Garten abgeladen. Ein Jagdsitz wurde zersägt, das Baugelände trotz einer 48 Stunden andauernden Überwachung durch die Polizei scheinbesetzt. Am Ende der Aktionstage zieren Sprüche eine Zweigstelle der AG: „Tierleid. Hunger. Klimakatastrophe: vermeidbar“. In Interviews kommentieren Teilnehmende den Abbau des Aktionscamps: „Das ist erst der Anfang“. In den Monaten zuvor war der Bürgermeister von Alt Tellin, der als Wegbereiter der Ferkelzuchtanlage gilt, durch einen Schriftzug an seiner Bar vorgewarnt worden: „Kommt die Anlage, kommt Krieg“.

Anfang 2010 wurde ein Freigehege entzäunt – wohl in der Hoffnung, dass die darin gehaltenen Hirsche ihren Weg in die Freiheit finden würden. Seit Monaten wächst die Zahl der Graffiti an Bushaltestellen, Straßenschildern und den Supermarktwänden in den umliegenden Gemeinden: „Wilfried Kosalla: Keine Ferkelzuchtanlage“. Die sonst so ruhigen dörflichen Strukturen Mecklenburg-Vorpommerns kommen in Bewegung. Im Frühjahr 2010 taucht in den Briefkästen der Dörfer um Alt Tellin ein gefälschtes amtliches Schreiben auf, das das Aus für die Ferkelzuchtanlage verkündet: „Nachdem Vor- und Nachteile für die ländlichen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns gründlich durch das StAUN (Staatliches Amt für Umwelt und Natur) geprüft wurden, konnte weder ein gesellschaftlicher Mehrwert noch eine Begünstigung für Mecklenburg-Vorpommern ersichtlich werden“ heißt es in der „Bürgerinformation“. Das Schreiben zwingt die Behörden und das Wirtschaftsministerium in Schwerin zur Stellungnahme: Das Genehmigungsverfahren sei noch in Prüfung, die Argumente (Nachteile für die Bevölkerung, Lärm- und Geruchsbelästigung, Landflucht, Verarmung der ländlichen Regionen…) seien Beweggründe, die sich eine Behörde nicht zu Eigen machen dürfe. Das Amt ist empört. Während weiterhin Briefe, Faxe und Anrufe bei der Daberkower Landhof AG eingehen, Infoveranstaltungen abgehalten werden und fleißig plakatiert wird, werden die Aktionsformen krasser. Ein Graffiti am Privathaus von Wilfried Kosalla erklärt im März 2010: „Wir kommen wieder, solange du mit Straathof dealst“. Als er von der Presse gefragt wird, antwortet Kosalla: „Das ist jetzt langsam kein Spaß mehr“. Im Januar richtet ein Brandsatz in einer Lagerhalle der AG einen Sachschaden von 20 000 Euro an – nicht mehr, weil er früh entdeckt und gelöscht werden kann. Einen Monat zuvor entstand durch einen Brand in einem Rinderzuchtbetrieb in Alt Tellin ein Schaden von 100 000 Euro, die Ursachen sind aber immernoch unklar. Mit dem Feuer wurde schon im Juli 2009 gespielt: Im 40 km entfernten Grimmen hatte eine vermeintliche Brandstiftung eine Mastanlage komplett zerstört. Am nächsten Tag hätte die Anlage mit 800 Puten beliefert werden sollen – technische Ursachen für den Brand wurden durch die Polizei ausgeschlossen.

Die Aktiven in Mecklenburg-Vorpommern hätten auch verhandelt. Da sich aber die Verantwortlichen wenig beeindruckt von symbolischen Appell-Aktionen zeigten, sahen Menschen, die nicht aufgeben wollten, es als legitim an, soviel Stress und finanziellen Schaden anzurichten, bis sich eine Kooperation mit dem Investor nicht mehr wirtschaftlich lohnen wird. Dass der Investor nicht von seinen Bauplänen lassen würde, war abzusehen – Kooperationspartner*innen wie die Daberkower Landhof AG haben jedenfalls die Wahl, ethisch verwerfliche Vorhaben einzustellen – und ihre Brötchen weiter mit dem Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln zu verdienen.

Alt Tellin – eine Siedlung mit gerade mal 300 Seelen – zeigt, dass es auch möglich ist, in dörflichen Regionen aktiv zu werden. Strukturschwäche hat auch Vorteile. Sie bieten einen großen Spielraum für kreative Aktionsentfaltung und ermöglicht eine große mediale Wahrnehmung schon bei kleinen Aktionen (weil dort ja sonst nichts passiert). Eine lange Tradition an direkten Angriffspunkten weltweit hat vorgeführt, dass direkte Aktionen mehr Erfolgsaussichten als institutionelle Wege mit sich bringen können. Die Fleischindustrie anzugreifen ist schwierig, weil sie so tief in die westliche Gesellschaft greift, aber der Widerstand gegen nur eine Anlage ist auch ein Warnsignal an weitere Bauvorhaben. “